Was bedeutet Neurodiversität? Einfach erklärt!

Die Vielfalt der Gehirne

Was bedeutet Neurodiversität? Der Begriff beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und die unterschiedlichen Arten, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und Informationen verarbeiten.

Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Reize verarbeiten, Aufmerksamkeit steuern, Sprache verstehen, Bewegungen planen oder soziale Situationen einordnen.

Neurodiversität macht deutlich, dass es nicht nur eine „richtige“ Art zu denken oder wahrzunehmen gibt. Sie umfasst alle Menschen – mit sowohl neurotypischen als auch neurodivergenten Gehirnen.

Was bedeutet Neurodiversität?

Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und Nervensysteme.

Menschen unterscheiden sich beispielsweise darin,

  • wie intensiv sie Geräusche, Gerüche oder Berührungen wahrnehmen,
  • wie leicht sie ihre Aufmerksamkeit steuern,
  • wie sie Sprache, Zahlen oder Gesichter verarbeiten,
  • wie sie Zusammenhänge erkennen,
  • wie sie soziale Signale einordnen,
  • wie schnell sie Informationen aufnehmen und miteinander verbinden.

Diese Unterschiede können in bestimmten Situationen hilfreich sein und in anderen zu Schwierigkeiten führen. Entscheidend ist nicht nur die Verarbeitungsweise selbst, sondern auch, ob die Umgebung dazu passt.

Was bedeutet neurotypisch?

Als neurotypisch werden Menschen bezeichnet, deren Wahrnehmung und Informationsverarbeitung weitgehend den gesellschaftlich erwarteten und üblichen Mustern entsprechen.

Das bedeutet nicht, dass alle neurotypischen Menschen gleich sind. Auch innerhalb neurotypischer Verarbeitungsweisen gibt es große Unterschiede.

Der Begriff beschreibt vor allem, dass bestimmte Abläufe, Reaktionen und Formen der Kommunikation eher den Normen entsprechen, auf die Schule, Arbeitswelt und Gesellschaft überwiegend ausgerichtet sind.

Was bedeutet neurodivergent?

Neurodivergent ist ein Sammelbegriff für Menschen, deren Gehirn Informationen auf eine Weise verarbeitet, die von diesen erwarteten Mustern abweicht.

Neurodivergenz ist keine eigenständige medizinische Diagnose. Der Begriff wird verwendet, um unterschiedliche neurologische, kognitive und wahrnehmungsbezogene Besonderheiten zusammenzufassen.

Welche Formen genau darunter gefasst werden, ist nicht in allen Fachrichtungen und Gemeinschaften einheitlich definiert.

ADHS und ADS

ADHS beeinflusst unter anderem Aufmerksamkeit, Impulssteuerung, Motivation, Zeitgefühl und die Regulation von Aktivität.

Menschen mit ADHS können Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit gezielt aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig können sie sich auf interessante oder dringende Themen sehr intensiv konzentrieren.

Die frühere Bezeichnung ADS wird häufig für eine vorwiegend unaufmerksame Ausprägung verwendet. In der heutigen Diagnostik wird sie in der Regel dem Spektrum der ADHS zugeordnet.

Autismus

Autistische Menschen können soziale Informationen, Sprache, Reize und Routinen anders verarbeiten.

Manche nehmen Details besonders genau wahr oder haben ein starkes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit. Andere benötigen mehr Zeit, um soziale Situationen einzuordnen oder sich nach intensiven Reizen zu erholen.

Autismus ist ein Spektrum. Die Wahrnehmung, Fähigkeiten und Unterstützungsbedürfnisse unterscheiden sich deshalb deutlich von Mensch zu Mensch.

Dyslexie und Lese-Rechtschreib-Besonderheiten

Dyslexie betrifft vor allem die Verarbeitung geschriebener Sprache.

Menschen mit Dyslexie können Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder beim sicheren Zuordnen von Lauten und Buchstaben haben. Das sagt nichts über ihre allgemeine Intelligenz aus.

Viele entwickeln eigene Strategien, um Informationen zu erfassen, und können gleichzeitig über ausgeprägte visuelle, kreative oder räumliche Fähigkeiten verfügen.

Dyskalkulie

Dyskalkulie betrifft das Verständnis und die Verarbeitung von Zahlen und Mengen.

Betroffene können Schwierigkeiten haben, Zahlenbeziehungen, Rechenwege oder Mengenverhältnisse intuitiv zu erfassen. Auch Zeitangaben, Geldbeträge oder Entfernungen können zusätzlichen Aufwand erfordern.

Dyskalkulie ist nicht mit mangelnder Anstrengung oder fehlender Intelligenz gleichzusetzen.

Dysgraphie

Dysgraphie beschreibt anhaltende Schwierigkeiten beim Schreiben.

Sie kann die Lesbarkeit der Handschrift, die Schreibgeschwindigkeit oder die Umsetzung von Gedanken in geschriebene Sprache betreffen. Teilweise spielen auch motorische Abläufe oder die Koordination von Wahrnehmung und Bewegung eine Rolle.

Dyspraxie

Dyspraxie betrifft die Planung und Koordination von Bewegungen.

Menschen mit Dyspraxie können Schwierigkeiten mit fein- oder grobmotorischen Abläufen haben. Dazu gehören beispielsweise Schreiben, Anziehen, Sport oder das Erlernen komplexer Bewegungsfolgen.

Die Herausforderung liegt nicht im fehlenden Verständnis der Aufgabe, sondern in der Planung und Ausführung der Bewegung.

Tic-Störungen und Tourette-Syndrom

Tics sind unwillkürliche Bewegungen oder Lautäußerungen, die nur begrenzt kontrolliert werden können.

Beim Tourette-Syndrom treten sowohl motorische als auch vokale Tics auf. Art und Intensität können sich im Laufe der Zeit verändern und durch Stress oder Überforderung verstärkt werden.

Nicht jeder Mensch mit Tics hat ein Tourette-Syndrom.

Prosopagnosie

Prosopagnosie wird auch als Gesichtsblindheit bezeichnet.

Betroffene haben Schwierigkeiten, Gesichter sicher zu erkennen oder auseinanderzuhalten. Manche erkennen selbst vertraute Personen nicht zuverlässig am Gesicht und orientieren sich stattdessen an Stimme, Kleidung, Bewegung oder anderen Merkmalen.

Prosopagnosie hat nichts mit mangelndem Interesse an Menschen zu tun.

Sensorische Verarbeitungsbesonderheiten

Sensorische Verarbeitungsbesonderheiten betreffen die Art, wie Sinneseindrücke aufgenommen, gefiltert und eingeordnet werden.

Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen oder Bewegungen können besonders intensiv, schwach oder uneinheitlich wahrgenommen werden.

Eine Umgebung, die für andere neutral wirkt, kann dadurch sehr anstrengend oder überfordernd sein.

Hochbegabung

Hochbegabung beschreibt eine deutlich überdurchschnittliche kognitive Leistungsfähigkeit.

Sie kann mit schnellem Denken, einer hohen Verarbeitungsgeschwindigkeit, großer Neugier oder einem starken Bedürfnis nach Komplexität verbunden sein.

Hochbegabung ist keine Störung. Sie kann jedoch zu Belastungen führen, wenn ein Mensch dauerhaft unterfordert ist, sich stark anpassen muss oder mit seiner Wahrnehmung wenig verstanden wird.

Ob Hochbegabung grundsätzlich als Neurodivergenz eingeordnet wird, ist nicht einheitlich geklärt. Sie wird jedoch häufig im erweiterten Kontext neurodiverser Verarbeitungsweisen betrachtet.

Hochsensibilität

Hochsensibilität beschreibt eine besonders intensive Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen.

Hochsensible Menschen können Stimmungen, Geräusche, Gerüche oder feine Veränderungen stark wahrnehmen. Sie benötigen häufig mehr Zeit, um Erlebnisse zu verarbeiten und sich nach intensiven Situationen zu erholen.

Hochsensibilität ist keine medizinische Diagnose. Auch ihre Einordnung unter Neurodivergenz ist nicht einheitlich.

Neurodiversität bedeutet nicht, „dass alle Unterschiede gleich sind“

Die genannten Begriffe beschreiben sehr unterschiedliche Verarbeitungsweisen, Fähigkeiten und Belastungen.

Einige sind medizinisch oder diagnostisch klar definiert. Andere beschreiben Merkmale, Wahrnehmungsweisen oder kognitive Besonderheiten. Sie dürfen deshalb nicht gleichgesetzt werden.

Gemeinsam ist ihnen nicht ein bestimmtes Verhalten und auch nicht automatisch ein bestimmter Unterstützungsbedarf.

Gemeinsam ist vielmehr die Erkenntnis, dass menschliche Gehirne unterschiedlich arbeiten.

Warum die Umgebung eine entscheidende Rolle spielt

Eine neurodivergente Verarbeitungsweise ist nicht unabhängig von ihrer Umgebung zu betrachten.

Ein Mensch kann in einem passenden Umfeld sehr gut zurechtkommen und in einer unpassenden Umgebung dauerhaft erschöpfen. Klare Strukturen, verständliche Kommunikation, Rückzugsmöglichkeiten oder eine angepasste Reizumgebung können einen erheblichen Unterschied machen.

Viele Belastungen entstehen deshalb nicht allein durch die neurologische Besonderheit. Sie entstehen auch dadurch, dass Menschen sich an Strukturen anpassen müssen, die für andere Formen der Wahrnehmung und Verarbeitung entwickelt wurden.

Neurodiversität, Erschöpfung und körperliche Versorgung

Unterschiedliche Verarbeitungsweisen können mit einem unterschiedlichen Aufwand im Alltag verbunden sein.

Wer mehr Reize wahrnimmt, soziale Situationen bewusst analysiert oder ständig versucht, sich anzupassen, kann schneller erschöpfen. Zusätzlich können Stress, Schlafmangel, Verluste oder andere Erfahrungen das Nervensystem beanspruchen.

Wie Neurodivergenz, Erschöpfung und körperliche Versorgung zusammenwirken, beschreibe ich im Beitrag:

Viel los im Kopf: Neurodivergenz und Erschöpfung

Dort findest du auch einen link zur Aufzeichnung des Vortrags „Viel los im Kopf“.

Zwei Bühnen: Neurodivergenz und Lebenserfahrungen gemeinsam betrachten

Neurodiversität hilft uns, die angeborene Verarbeitungsweise eines Menschen besser zu verstehen. Sie erklärt beispielsweise, warum ein neurodivergentes Gehirn Reize anders filtert, Aufmerksamkeit anders steuert oder für bestimmte Anforderungen mehr Kraft benötigt.

Diese neurologische Ausgangslage ist jedoch nur eine von zwei Bühnen.

Auf der ersten Bühne steht das Gehirn, das ein Mensch mit ins Leben bringt. Dazu können beispielsweise ADHS, Autismus, Hochbegabung, Dyslexie, Prosopagnosie oder sensorische Verarbeitungsbesonderheiten gehören.

Hier stellen sich wichtige Fragen:

Womit habe ich aufgrund meiner besonderen Verarbeitungsweise Schwierigkeiten?

Welche Bedingungen, Strukturen und Formen der Kommunikation brauche ich, damit andere mich verstehen und ich gut arbeiten, lernen und leben kann?

Auf der zweiten Bühne stehen die Erfahrungen, die dieses Gehirn im Laufe des Lebens gemacht hat. Dazu gehören Verluste, Überforderung, Ausgrenzung, Konflikte, traumatische Erfahrungen oder lange Phasen, in denen ein Mensch sich anpassen und eigene Bedürfnisse zurückstellen musste.

Hier lauten die Fragen:

Welche Schwierigkeiten sind erst durch meine Erfahrungen entstanden?

Welche Belastungen habe ich bisher noch nicht ausreichend verarbeitet?

Und wie wirken meine angeborene Verarbeitungsweise und meine Lebenserfahrungen heute zusammen?

Diese beiden Bühnen dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Gleichzeitig lassen sie sich nicht vollständig voneinander trennen.

Nicht jede Schwierigkeit eines neurodivergenten Menschen lässt sich allein mit ADHS, Autismus, Hochbegabung oder einer anderen Form der Neurodivergenz erklären. Ebenso wenig dürfen angeborene Verarbeitungsunterschiede vorschnell als Folge belastender Erfahrungen gedeutet werden.

Wer nur auf die Neurodivergenz schaut, kann übersehen, dass ein Mensch zusätzlich Verletzungen und Belastungen verarbeitet. Wer nur auf die Lebensgeschichte schaut, kann übersehen, dass sein Gehirn von Anfang an anders wahrgenommen und gearbeitet hat.

Ein vollständigerer Blick fragt deshalb nach beidem:

Wie verarbeitet dieses Gehirn die Welt und was hat es in dieser Welt bereits erlebt?

Zum Inhalt springen