In Folge 10 des Podcasts „Wie fantastisch bist Du denn bitte!?“ spreche ich mit Julia Gilbert-Kadel darüber, wie wir Verlust bewältigen können, wenn wir das Verlorene zunächst gar nicht als Verlust erkennen.
Manchmal geht etwas verloren, ohne dass jemand eine Karte oder Blumen schickt, nachfragt oder versteht, warum es uns so tief trifft. Eine Beziehung endet, eine Freundschaft zerbricht oder der eigene Körper kann nicht mehr, was früher selbstverständlich war. Vielleicht geht ein Arbeitsplatz verloren, ein Kinderwunsch bleibt unerfüllt oder wir müssen uns von einer Zukunft verabschieden, die in unserem Inneren längst ein Zuhause hatte.
Nicht jeder Verlust ist für andere Menschen sichtbar, und manchmal erkennen wir selbst erst spät, dass wir um etwas trauern. In unserem Gespräch geht es deshalb darum, was Menschen verlieren können, wie unterschiedlich Trauer aussehen kann und warum sie nicht erst mit dem Tod eines nahestehenden Menschen beginnt.
Wenn etwas fehlt, das für uns Bedeutung hatte
Von außen lässt sich kaum beurteilen, wie schwer ein Verlust für einen Menschen wiegt. Nicht allein das Ereignis entscheidet darüber, sondern vor allem die Bedeutung dessen, was verloren gegangen ist.
Mit einer Arbeitsstelle können Sicherheit, Zugehörigkeit und ein Teil der eigenen Identität wegbrechen. Wenn eine Beziehung endet, verschwindet möglicherweise nicht nur ein Mensch aus dem Alltag, sondern auch die gemeinsame Vorstellung von Zukunft. Scheitert ein wichtiges Projekt, geht vielleicht etwas verloren, in das wir Zeit, Hoffnung und einen Teil von uns selbst gelegt haben.
Solche Erfahrungen werden leicht kleingeredet. Es war doch nur ein Job. Die Beziehung hat ohnehin nicht mehr funktioniert. Dann machst du eben etwas anderes.
Solche vernünftigen Erklärungen erreichen jedoch nicht immer das, was in uns gerade schmerzt. Was für uns bedeutsam war, kann Trauer auslösen, auch wenn andere Menschen den Verlust nicht nachvollziehen können.
Trauer ist nicht immer als Trauer zu erkennen
Trauer zeigt sich nicht ausschließlich durch Weinen oder sichtbaren Schmerz. Sie kann sich auch in Rückzug, Wut, Unruhe, verstärkter Kontrolle, Schuldgefühlen, Erschöpfung oder innerem Chaos ausdrücken. Manche Menschen funktionieren im Alltag weiter, obwohl sie innerlich längst den Boden unter den Füßen verloren haben.
Vielleicht kreisen die Gedanken immer wieder um die Frage, was man hätte anders machen, früher erkennen oder verhindern können. Auch dieses gedankliche Verhandeln kann zum Umgang mit einem Verlust gehören.
Solche Reaktionen vorschnell als Schwäche zu bewerten, wird dem Erlebten nicht gerecht. Zunächst können sie darauf hinweisen, dass innerlich etwas verarbeitet werden muss. Das bedeutet nicht, dass jede Belastung automatisch unbedenklich ist. Es bedeutet vielmehr, genauer hinzuschauen, bevor wir uns für unsere Reaktion verurteilen.
Wenn wir den eigenen Verlust nicht ernst nehmen, verschwindet er dadurch nicht. Häufig fehlt dann gerade der Raum, den wir bräuchten, um wahrzunehmen, was eigentlich geschehen ist.
Verlust bewältigen heißt nicht, vergessen zu müssen
Der Ausdruck „Verlust bewältigen“ kann so klingen, als müsse irgendwann alles erledigt, abgeschlossen und überwunden sein. So verstehe ich Verlustbewältigung nicht.
Ein Verlust lässt sich nicht wie ein erledigter Punkt von einer Liste streichen. Was geschehen ist, bleibt Teil der eigenen Geschichte, und auch das, was oder wen wir verloren haben, darf weiterhin Bedeutung besitzen.
Es geht vielmehr darum, dem Erlebten einen Platz im eigenen Leben zu geben, an dem es da sein darf, ohne auf Dauer alles andere zu überlagern.
Dieser Weg verläuft selten gerade. An manchen Tagen ist wieder mehr Leichtigkeit möglich, während an anderen ein Geruch, ein Lied, ein Datum oder ein beiläufiger Satz genügt, um das Verlorene plötzlich wieder ganz nah werden zu lassen. Das bedeutet nicht, dass jemand in seiner Trauer zurückgefallen ist.
Wie wir heute mit einem Verlust umgehen, kann außerdem mit früheren Erfahrungen zusammenhängen. Welche Gefühle waren in unserer Familie erlaubt? Wurde über Verluste gesprochen oder mussten wir möglichst schnell wieder funktionieren? Haben wir gelernt, uns selbst ernst zu nehmen, wenn etwas weh tut? Auch über diese Zusammenhänge sprechen Julia und ich im Podcast.
Die 7 Inseln nach Verlust geben Orientierung
Um die unterschiedlichen Zustände innerhalb eines Verlustprozesses verständlicher zu machen, arbeite ich mit meinem Modell der 7 Inseln nach Verlust:
- Verleugnung
- Wut
- „Trauerdepression“
- Verhandlung
- Schuldgefühle
- Desorganisation
- Versöhnlichkeit und Akzeptanz
Diese Inseln sind keine sieben Aufgaben, die in einer bestimmten Reihenfolge erledigt werden müssen. Menschen können zwischen ihnen wechseln, mehrere Inseln gleichzeitig erleben oder an einen bereits bekannten Ort zurückkehren. Ebenso wenig muss jeder Mensch alle sieben Inseln durchlaufen.
Das Modell soll Trauer nicht in ein starres Schema pressen. Es bietet Sprache und Orientierung für ein Erleben, das sich widersprüchlich, ungeordnet oder kaum erklärbar anfühlen kann.
Mit „Trauerdepression“ sind mögliche Erlebensweisen innerhalb eines Verlustprozesses gemeint. Sie werden nicht automatisch mit einer depressiven Erkrankung gleichgesetzt. Doch ich frage mich, ob sie vielleicht manchmal verwechselt werden…denn ihre Symptome können sich sehr ähneln.
Die 7 Inseln nach Verlust sind ein Orientierungsmodell und kein diagnostisches Verfahren. Aus einzelnen Reaktionen lässt sich daher keine psychische Erkrankung ableiten.
Trauer braucht keinen fremden Maßstab
Menschen trauern auf unterschiedliche Weise. Es gibt weder einen allgemeingültigen Zeitplan noch einen Zeitpunkt, an dem ein Verlust für jeden Menschen lange genug zurückliegen müsste.
Entscheidend sind die Wahrnehmung und Anerkennung des eigenen Erlebens sowie ein Umgang, der zum jeweiligen Menschen und zu seiner Situation passt. Dazu können Selbstfürsorge und das Setzen persönlicher Grenzen gehören. Im Podcast sprechen wir außerdem über mögliche psychosomatische Zusammenhänge und darüber, wie systemische Aufstellungen in der Verlustbegleitung eingesetzt werden können.
Einen Verlust bewusst wahrzunehmen, macht ihn nicht ungeschehen. Auch eine Begleitung kann den damit verbundenen Schmerz nicht einfach wegnehmen. Sie kann jedoch dabei helfen, das eigene Erleben besser zu verstehen und wieder mehr innere Orientierung zu finden.
Den Podcast-Ausschnitt ansehen
Auf meiner Seite „7 Inseln nach Verlust“ findest du einen Ausschnitt aus unserem Gespräch und eine ausführlichere Einführung in das Inselmodell.
Podcast-Ausschnitt ansehen und die 7 Inseln kennenlernen:
https://www.sabinefleissner.de/7-inseln-nach-verlust/
